11.06.2015

Eine Vespa zum Abendessen?

Kategorie: Presse

Sie heißen Chris, Judith, Danny, Jill, Angela, Ian oder Mu und lernen Deutsch. Nein, nicht im Goethe Institut, nicht an der Volkshochschule, sondern zu Hause in Norwich, der schönen Stadt im beschaulichen Südosten Großbritanniens. Ihre Schule ist eine öffentliche Einrichtung der Erwachsenenbildung, vergleichbar mit unserer VHS. Sie machen eine Art Schüleraustausch für Erwachsene, bleiben für 3 Tage in Schwäbisch Hall und wohnen privat bei Gastgebern, die ihrerseits an der Haller VHS Englisch lernen – ein landesweit einzigartiges Projekt.

Begonnen hatte alles vor etwa 2  Jahren, als die VHS-Fachbereichsleiterin für Sprachen persönliche Kontakte knüpfte mit der neuen Partnereinrichtung. Bei einer Tasse Tee während einer Urlaubsreise wurden vor Ort die Möglichkeiten für einen Austausch besprochen, und flugs begann ein angeregter E-Mailverkehr zwischen jeweils zwei Kursen, der sich bis heute fortsetzt. Die Briten schreiben auf Deutsch, die Haller auf Englisch. Fast jede Woche gibt es eine „Klassen-Mail“. Darin wird über Eigenheiten berichtet, über die persönlichen Interessen, Reisen oder Feiern, das Wetter oder den Garten. Die Haller erfahren, was zu einem typischen Christmas-Dinner gehört und dass Blumengebinde stecken ein beliebtes Hobby ist und die Engländer lernen, wie man Spätzle kocht und was hier in der Gegend in der Freinacht vor dem 1. Mai angestellt wird. Auch die Fußball-Bundesliga, die königliche Familie und die unterschiedlichen Wahlsysteme sind ein Thema.

Letztes Jahr wurden die Haller eingeladen zum traditionellen Kaffee und Kuchen-Semesterabschluss. Daraus wurde dann ein dreitägiger Besuch in Norwich im Oktober. Zusammen mit den englischen Gastgebern erlebten sie englischen Alltag und waren ganz begeistert, wie offen und entspannt man dort das Leben angeht und wie viel es dort zu sehen gibt. Die einen ruderten im selbstgebauten Boot auf einem der zahlreichen Wasserwege in den Broads, die anderen besuchten Herrschaftshäuser und englische Gärten oder gingen Krabben fischen am Meer. Man bekam den Frühstückstee – selbstverständlich mit Milch - ans Bett serviert oder musste um Hilfe rufen, weil die Dusche nicht so funktioniert wie bei uns.

Besuchsprogramme in Ely und Cambridge, teilweise im legendären Nieselregen, rundeten den Besuch ab und am Ende war klar, dass es einen Gegenbesuch geben würde. Für die Reise nach Schwäbisch Hall, die am vergangenen Wochenende, Mitte Mai, stattgefunden hat, hatten sich 18 Leute angemeldet, und für alle konnten Gastfamilien gefunden werden, von Mainhardt über Bubenorbis und Hall bis nach Gaildorf. Der erste Tag begann mit einem kleinen Empfang im Haus der Bildung, bei dem man sich schnell näher kam. Allen gemeinsam war die große Aufgeschlossenheit und die Freude daran, Leute kennenzulernen und herauszufinden, wie sie leben, was sie denken und wie ihr Alltag aussieht. Und man wollte natürlich sein Deutsch anwenden und verbessern, so wie die Haller auch in Norwich Englisch reden mussten. Bei der Stadtführung gab es reichlich neue Wörter zu lernen, allen voran Salzsieder und Fachwerkhaus. Dass der Neubau alt ist und die Sprachkurse der Gastgeber in einem alten Gefängnis stattfinden, beeindruckte alle.

Eifrig werden neue Wörter gesammelt – das ist die Hausaufgabe für die Kurse. Chris und seine Frau Sally fragen sich, ob ihre Gastgeberin Gerlinde wirklich so religiös ist, wenn sie zum abendlichen Vesper einlädt, nachdem geklärt wurde, dass man einen Roller – eine Vespa eben -  nicht essen kann.  Robert wiederum ist sich sicher, dass er den Wörter-Wettberwerb mit dem Erkennungslied der Bausparkasse gewinnt. Er ist Mathematiker im Ruhestand und spricht neben Deutsch noch drei andere Sprachen. Mu, ebenfalls im Ruhestand, spielt Theater und findet ansonsten in Schöntal die vor dem Kloster geparkten Oldtimer so beeindruckend, dass die Kirche nicht mehr interessiert. Fritz und sein Gast Danny stellen fest, dass es in Norwich zwar weniger Fachwerkhäuser und Schlösser gibt als bei uns, dafür aber sehr viele Pubs. Monika und ihr Gast Judith haben Spaß in der Besenwirtschaft (wieder ein neues Wort) und kommen mit anderen Gästen ins Gespräch. Wie kompliziert die Verständigung mit den hohenlohischen „Ureinwohnern“ war, bleibt offen. So hatten alle ihre ganz besonderen Begegnungen mit den Deutschen, ihrer Sprache, ihrer Geschichte und ihren Gebräuchen. Manche besuchten Langenburg, Vellberg oder Wackershofen, andere machten Wanderungen oder gingen zu den Kunstausstellungen.

Den letzten Tag verbrachten alle gemeinsam in Rothenburg, und von dort aus ging man dann wieder getrennte Wege: zurück nach England über Nürnberg mit dem Flugzeug oder wieder heim nach Schwäbisch Hall. Alle sind sich einig, dass der Austausch eine Fortsetzung erfahren muss, und die Planungen für den nächsten England-Besuch laufen schon an der Volkshochschule und in der englischen Schule in Wensum Lodge. Land und Leute auf dieser ganz persönlichen Ebene kennenzulernen ist die beste Motivation zum Sprachenlernen und der beste Weg zum Erfolg dorthin, darin sind sich alle Beteiligten einig. Ach ja, Norwich hat an dem Wochenende ein wichtiges Fußball-Aufstiegsspiel gegen Ipswich gewonnen. Nur schade, dass Damon ein Ipswich-Fan ist.

Margarete Krauß-Dent
Fachbereichsleiterin an der VHS