13.10.2017

Ahmad Mansour spricht Klartext im Haus der Bildung

Kategorie: Presse

Ahmad Mansour und Marcel Miara / Foto: Martin Weis

Der Musiksaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als Ahmad Mansour in Begleitung von zwei Polizisten das Haus der Bildung betritt. Über 120 Menschen wollen hören, wie der Berliner auf Einladung der Volkshochschule „Klartext über Religion, Integration und Demokratie“ spricht.
Vielen ist Mansour aus dem Fernsehen bekannt. Anne Will, Maischberger, Hart aber Fair, überall ist er ein gefragter Experte. Seine jüngste Buchveröffentlichung „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen" wurde zu einem Bestseller. Mansours Erfolgsrezept: Er denkt quer, und er redet beeindruckend klar. So auch im Haus der Bildung in Schwäbisch Hall.
„Integration“, das ist eines der am häufigsten falsch verstandenen Wörter, beginnt Mansour seinen Vortrag mit einem Paukenschlag. Denn Integration gehe nicht in der etablierten Formel „Deutsche Sprache + Arbeit – Kriminalität“ auf. Echte Integration in die Gesellschaft ist laut Mansour erst dann erreicht, wenn es bei einem Menschen zu einer emotionalen Verinnerlichung von Grundwerten gekommen ist. Als wichtige Grundwerte führt er an, dass Religion nicht über Gesetzen steht, und dass ein Leben in patriarchalischen Strukturen in Deutschland nicht möglich ist.
Mehrfach am Abend fordert Mansour ein radikales Umdenken. Wenn Integration wirklich gelingen soll, dann dürfe es keine falsch verstandene Toleranz geben. Dabei fordert er auch klare Kante gegenüber islamischen Gruppen: Der türkischen DITIB will er alle Fördergelder gestrichten wissen. Und dass bei der offiziellen Gedenkfeier nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Beisein von Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck mit Ferid Heider ausgerechnet ein Salafist als Vertreter der Muslime sprechen durfte, sei ein verheerendes Signal.
Der gebürtige arabische Israeli weiß wovon er redet, war er doch früher selbst fundamenta-listischer Islamist. Einer, der dann die Seiten wechselte und sich heute als Psychologe und liberaler Muslim für Demokratie und Menschenrechte einsetzt. Ausführlich spricht Mansour über Gefahren und Dynamiken von Radikalisierung. Dschihadismus und Salafismus seien nur die Spitze des Eisberges. Darunter habe sich ein großer Pool an Menschen gebildet, die Grundwerte bisher nicht verinnerlicht hätten und für Radikalisierung anfällig seien. „Gene-ration Allah“ nennt sie Mansour. Migration und Flucht, Verständigungsprobleme, das Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen zu sein, dass alles könne zu einer Identitäts-krise bei Menschen führen. Islamistische Gruppen versuchen gezielt, die Krisen zu nutzen und bieten Beheimatung. Und das mehr als erfolgreich: „Die Islamisten sind die besseren Sozialarbeiter“, sagt Mansour kritisch. Der Psychologe führt weiter aus: In Identitätskrisen entscheidet sich innerhalb von etwa zwei Jahren, ob sich ein Mensch radikalisiert oder nicht. Die Zeit läuft. Die bisherigen Strategien seien unzureichend, es müsse dringend gehandelt werden: Längere Integrationskurse sowie intensivere, innovativere Betreuung durch Sozialarbeit. Der gefährlichen Verunsicherung und Identitätskrise müsse mit einer Doppelstrategie begegnet werden. Auf der einen Seite mit viel Kommunikation und individueller Annahme der Menschen mit ihren Problemen, Sorgen und Nöten; auf der anderen Seite aber auch deutlich zu machen, welche Grundwerte und Regeln in Deutschland gelten. Das werde als Signal einer starken Gesellschaft wahrgenommen, die klare Orientierung biete und somit einer möglichen Radikalisierung entgegenwirke, ist Mansour überzeugt.
Der Großteil des Publikums ist vom Gesagten angetan. Aber man blickt auch in Gesichter, denen man Irritation ansieht. „Wir müssen Integration neudenken“ und „umdenken“, das sind Sätze, die nach dem Vortrag in vielen Gesprächen fallen.
Moderator und VHS-Fachbereichsleiter Marcel Miara bringt das im Schlusswort auf den Punkt: „Wir sollten es heute Abend nicht nur bei reiner Kenntnisnahme belassen, sondern wir müssen die Debatte über Religion, Integration und Demokratie in unserer Stadtgesellschaft weiterführen.“ Man müsse die Ansichten von Mansour nicht teilen, aber sie seien es allemal wert, in Politik, Verwaltung und Bildungseinrichtungen ernsthaft und wahrhaftig reflektiert zu werden – mit dem Ziel, die Rahmenbedingungen für echte Integration zu schaffen.
  
Zur Person:
Ahmad Mansour (geb. 1976) ist arabischer Israeli und Diplompsychologe. Er war früher selbst fundamentalistischer Islamist – und heute wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für demokratische Kultur in Berlin sowie Programmdirektor bei der European Foundation for Democracy in Brüssel.
Mansour war von 2012 bis 2014 Mitglied in der Islamkonferenz. 2014 wurde er mit dem Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der Toleranz ausgezeichnet, 2016 mit dem Carl-von-Ossietzky Preis für Zeitgeschichte und Politik. Im selben Jahr wurde Mansour zum Botschafter für Demokratie und Toleranz ernannt und berät heute wichtige Akteure in Staat und Gesellschaft, so u.a. den Bundespräsidenten.